Einige Exponate der Ausstellung

Die Bildwelten von Geza Spiegel.

Die hier gezeigten Arbeiten Geza Spiegels sind nur ein kleiner Aus-schnitt seines umfangreichen Schaffens. Die künstlerische Methode, die diesen Bildern zu Grunde liegt, kann man verkürzt mit dem Beg-riff des Spiels umschreiben. Ausgangspunkt des spielerischen Prozesses sind Farbe, Struktur  und Form. Gleichberechtigt in ihrer Be-deutung entwickelt Geza Spiegel daraus immer wieder überraschende Bilderfindungen, die seine weitere künstlerische Auseinan-dersetzung beflügeln. Flüchtige Gedanken und Einsichten setzen in der bildnerischen Gestaltung einen Assoziationsprozess in Gang, dem sich die bei genauerem Bildstudium zu entdeckenden farbli-chen und strukturellen Details der Oberflächengestaltung verdanken. Mit stets anders arrangierten Schwerpunkten treten – je nach Absicht des Künstlers – farbliche, formale oder strukturelle Aspekte in den Vordergrund und lassen, die bisherige Arbeit ständig reflektierend, in immer neuen Ausführungen seinen Kanon bildnerischen Ausdrucks  weiter anwachsen. So bietet sich Ihnen hier als Betrachter die Möglichkeit, sich mit einem repräsentativen Ausschnitt dieser nie endenden Fülle auseinander zu setzen.

 

Eine detaillierte Rezeption des Einzelbildes in dieser Ausstellung macht wenig Sinn, sie lassen sich unzweifelhaft als ästhetische Einheit wahrnehmen. Aber was für den gesamten Strauß von Geza Spiegels Bildarrangements gilt, hat natürlich auch auf jede einzelne Arbeit bezogen Gültigkeit.

 

Ein erstes augenfälliges Merkmal von Geza Spiegels Arbeiten ist ihre unverwechselbare „Handschrift“. Dadurch wird sein Gesamt-werk zu einer Art „selbstreferenziellem Archiv“ seiner künstlerischen Entwicklung, d.h. seine Bilder reflektieren in ihrer Farbigkeit, Materi-alität und Form immer wieder frühere Bildzustände und Details. So lassen sich die Bildwelten Geza Spiegels als komplexes Geflecht von Wechselseitigkeit und des aufeinander Bezugnehmens verstehen. Denn – sofern bei ungegenständlichen Arbeiten, wie hier zu sehen – „Bildmotive“ überhaupt auszumachen sind, tauchen sie immer wieder in unterschiedlichen Ausformungen auf; sie entschlüsseln zu wollen, würde der Absicht des Künstlers zuwider laufen, dem alle Bedeutungsgebung und daraus meist folgende Fehlinterpretation seit jeher suspekt ist.

 

Spiegels Bild-Erfindungen leben von ihrer Intensität. Acrylfarben – deckend und lasierend aufgetragen – Pinsel, Spachtel, Farb- und Graphitstift – sind sein Handwerkszeug. Seine Leidenschaft ist die Fläche, auf der er virtuos agiert: Mit pastos aufgetragenen Farbfel-dern, an den Rändern häufig zu kantigen Abbrüchen aufgeworfen, wird die Fläche zum Spannungsfeld. Ihr Liniencharakter macht die Kanten zum zeichnerischen Element. So teilt er die Flächen, bricht sie beinahe auf und lässt virtuelle Räumlichkeit entstehen, die stets unaufdringlich bleibt. Denn die Gesetze der Perspektive interessieren ihn nicht, er hält keine mathematisch logische Ordnung fest oder bildet sie gar ab. Seine Ordnung ergibt sich wie von selbst durch ein kompositorisches Vorgehen, das Farbigkeit, Flächigkeit, Kantigkeit und Tiefe zu eigenwilligen Bildharmonien zusammenfügt. Mit Hilfe dieser künstlerischen Gestaltungsmittel entsteht eine Bühne, die uns scheinbar Vertrautes in Erinnerung ruft. Unwillkürlich formt das Auge des Betrachters Gesehenes zu landschaftlichen Impressionen, die sich aber einer weiter gehenden naturhaften Ähnlichkeit sofort entziehen.

 

Denn bevor Spiegel in seinen Bildern Naturassoziationen zu viel Raum gibt, gleiten seine Bildflächen beinahe unmerklich ins Irreale. Wer sich hineinziehen lässt, kann es spüren: Sanft vibrierend und leise schwingend geraten die Oberflächen in Bewegung. Rhythmus entsteht und bildet ordnende Bewegungsachsen. Dieses Ordnen ist jedoch nicht im voraus geplanter künstlerischer Wille, sondern wächst im Verlauf der Arbeit, bis sich alles zu einem organischen Ablauf fügt. Dabei bleibt das Identifizierbare stets weit hinter dem Nichtidentifizierbaren zurück. Es wird gewissermaßen malerisch abgefangen, bevor ein Gefühl von Bekanntheit den Reiz des Unein-deutigen stören kann. Erst diese Gratwanderung zwischen Ahnen und Nichterkennen, zwischen Oberfläche und Tiefe, zwischen den Kontrasten seiner intensiven Farben entwickelt sich zu dem seiner Malerei eigenen schwingenden Rhythmus der Malflächen, der erst dann nachlässt, wenn das Auge des Betrachters die „Ruhezonen“ auf den Flächen entdeckt hat, um dort zu verweilen.

 

Aus solch einer Perspektive betrachtet sind Spiegels Bilder grenzenlos. Zwar formal durch die sich aus dem Rahmenformat ergebenden Ränder begrenzt, aber dennoch weit darüber hinaus weisend als zufällig festgehaltene Wahrnehmungen einer virtuellen Un-endlichkeit. Die optische Spannung seiner Bilder wird definiert von Nähe und Ferne, von Vordergrund und Hintergrund, von kräftigen und weniger starken Kontrasten, von scharfen und weich verlaufenden Farbkanten, von Helligkeit und Dunkelheit, von Oberfläche und Tiefe. Es ist eine äußerst emotionale und spontane Art der Flächen-behandlung. Formfelder, Farbigkeit, Linien und Risse – die Bildideen entwickeln und verändern sich im malerischen Prozess so lange, bis das kontrollierende Auge des Künstlers beschließt, der Unendlichkeit in einem bestimmten Moment vorläufig Einhalt zu ge-bieten. Hier ist Raum für Gedanken: An Licht in seinen unterschiedlichen Erscheinungsarten, an gefühlte Temperaturunterschiede von emotionaler Wärme bis zu intellektuell distanzierter Kühle, an ver-schwimmende Horizonte, an greifbare Nähe und unerreichte Fernen, an Momente des Glücks und der Wehmut, an Leben und Vergäng-lichkeit, an eine immer bedrohte Welt der Fantasie.

 

Spiegel lässt sich von Ismen oder aktuellen künstlerischen Tendenzen nicht verführen. Er arbeitet kontinuierlich; unüberlegte Sprünge sind ihm fremd. Trotz des Empfindens einer manchmal seriellen Konstruktion seiner Einfälle, sind seine Arbeiten keine Aneinander-reihung willkürlicher Assoziationsketten. Vielmehr dient sein weit reichender Bildkosmos eher zur Darstellung der Auswirkungen einer äußeren Wirklichkeit auf die malerische Befindlichkeit. Aber dichten wir den Bildern von Geza Spiegel kein poetisches Geheimnis an, ist ihre Hauptbotschaft doch immer das einzelne Bild selbst: ohne Thematik, frei von interpretatorischem Ballast, allenfalls verbunden mit dem Wunsch zur Entdeckung fantastischer Innenwelten. Spiegels Bilder muss sich jeder selbst aneignen, bevor er sie als eigene innere Bilder besitzen kann. Dazu passend eine kurze Bemerkung: Künstler und damit die Kunst leben von Menschen, die das erwerben, was Künstler produzieren. Grund genug, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, alle hier gezeigten Werke dürfen gekauft werden. Ich verspreche Ihnen, Geza Spiegel wird einem Ihrerseits diesbezüglich gestellten Ansinnen keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen.

 

Ich habe versucht, Sie hinter das Ereignis der Kunstpräsentation zu locken, Sie in eine Welt der Innenbilder zu entführen, Sie dazu einzuladen, die hier gezeigten Arbeiten als Fest für Augen, Geist und Seele zu erleben. Bleibt mir zum Schluss nur noch die Aufforderung an Sie, sich auf Geza Spiegels  Bilder einzulassen, die in ihrer ele-mentaren Eigenart zunächst nichts anderes sein wollen als kraftvolle Malerei. Diese Kraft vor allem soll Sie als Betrachter berühren. Was Geza Spiegels Bilder sonst noch auslösen können, das mögen Sie beim Gang durch die Ausstellung selbst entdecken – viel Freude dabei.