Die Exponate und Bilder der Vernissage

Preis der Jury: Harald Marquardt, "Die Prinzessin auf der Erbse"

Märchen der anderen Art

So kann das gehen, wenn man eine strenge unabhängige Jury beruft und die Werke anonym beurteilen lässt: Für die Jahresausstellung der Vaihinger Kultur am Kelterberg zum Thema „Märchen“ fielen bis auf 14 alle gut hundert eingesandten Arbeiten von rund 60 Künstlern aus der Region durch. Und den mit 500 Euro dotierten Preis bekam bei der Vernissage am Samstagabend einstimmig jemand, der ihn eigentlich hätte übergeben sollen: der Vorsitzende der gut 170 Mitglieder starken Künstlervereinigung Harald Marquardt. Das war keine Mauschelei, sondern ein Triumph, den ihm alle gönnten, zumal es MarquartHarald, wie er sich selbst nennt, auch mit seiner zweiten Arbeit in den erlesenen Kreis der 14 verbliebenen Werke geschafft hatte. Im Vorjahr waren es gut dreimal so viele Bilder, Installationen und Skulpturen im Obergeschoss der Alten Kelter gewesen. „So luftig und leicht war die Hängung noch nie“, kommentierte Vereinsvize Géza Spiegel.

„Die Prinzessin auf der Erbse“

Die diesjährige Jury aus den Kunsthistorikerinnen und KünstlerInnen Boris Musper (2. Vorsitzender von Zero Arts und Mitarbeiter der Stuttgarter Staatsgalerie), Alix Sharma-Weigold und Monika Rudolph hatte zwar auch wieder wie üblich Werke ausgesiebt, die handwerklich oder künstlerisch weniger gelungenen schienen. Vor allem aber sahen die Experten das dritte Kriterium bei vielen Einsendungen nicht erfüllt: Das Thema „Märchen von damals, heute und morgen“ sollte sich auch unabhängig vom Titel klar erschließen, nachvollziehbar sein. Ihre Entscheidung über den Preis fiel „eindeutig, einstimmig und ganz schnell“ für Harald Marquardts Installation „Die Prinzessin auf der Erbse“, die dann sogar einen eigenen, abgedunkelten Raum bekam. Es ist eine formstrenge Stele aus vier Stahlstäben, bei der oben mehrere Lagen von kleinen quadratischen Luftpolstermatten beleuchtet sind, in denen die Erbse zu entdecken ist. Ganz obenauf und unten auf dem Holzkästchen das Prinzessinnensymbol: ein winziges, durchaus auch witziges Krönchen aus Goldpapier.

 

Harald Marquardt hatte die Gäste im voll besetzten Saal begrüßt und statt des ausgefallenen Musikers das Vaihinger Original Gerhard Widmaier an eine kurzfristig aufgetriebene Drehorgel gebeten, auf der „Hänsel und Gretel“ erklang und zum Schluss noch einmal „Ein Männlein steht im Walde“. Nach einem kurzen Rückblick aufs Vorjahr, vor allem den Austausch von Park-Skulpturen und Ausstellungen mit der Partnerstadt Melun, las Franz Kunstleben die Kapitel zum Froschkönig und dem „Fischer un syner Fru“ aus dem Buch „Alles Märchen! Insider packen aus“ von Heide Simonis, der früheren Ministerpräsidentin. Dann überreichte Vereinssprecherin Steffi Schwarzenbek unter großem Beifall den Preisumschlag an ihren doch etwas verlegen wirkenden Vorsitzenden.

Kritik am Schönheitswahn

Unter den anderen ausgewählten Künstlern ist Manfred Unterweger mit seiner Installation „Das Märchen vom sauberen Strom“ der einzige, der das Thema nicht klassisch anging: Schmutzige Infusionsschläuche hängen da aus Steckdosen. Dagmar Feuerstein, Kelterberg-Mitglied aus Stuttgart-Nord, zeigt ihre Mischung aus Zeichnung und Materialbild zum „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ auch als einen künstlerischen Aufruf gegen Kinderarmut. Gegenüber Jörg Hubers farbstarkes Computerbild „Rumpelstilzchen“, um die Ecke der „Märchengarten“ des argentinischen Fotografen Gilberto Gallo in alter Cyanoton-Technik.

Durchaus als Kritik am Schönheitswahn ist der weibliche Alabaster-Torso vor einem Spiegel zu sehen, mit dem der Herrenberger Bildhauer Reiner Biller das Schneewittchen-Motiv aufnimmt: „Spieglein, Spieglein . . .  Archetypus beim Bodycheck“. Die „Sieben Raben“ Brigitte Zizmanns falten sich als originelle Papierschneidearbeit in den mittleren Raum. Gegenüber hat das Duo „Wahlverwandt“ aus Anne Schubert und Angelika Hartmann zehn letzte Märchensätze zur lakonischen Wandtext-Installation „InGrimm“ gebündelt. Auch sonst: viel Kunst von hohem Rang aus allen Genres. Mit der Wahl zum Publikumspreis können die Besucher bis zur Finissage die Wahl der Jury bestätigen oder ergänzen.

Martin Bernklau,/ Filderzeitung