9. Otto F. Scharr Kunstpreis 2026 »petit«
9. Otto F. Scharr Kunstpreis 2026
»petit«
9. Otto F. Scharr Kunstpreis 2026
»petit«
Am Sonntag, den 22. März 2026, fand zum 9. Mal die Verleihung des beliebten Otto F. Scharr Kunstpreises statt.
Otto F. Scharr Kunstpreis 2026 »Petit« Die Preisträger
1. Preis: “Vor der Erinnerung – Quand le temps était petit” von Ingrid Schütz
Wann beginnt die Erinnerung? Die Wissenschaft spricht davon, dass sich das autobiografische Gedächtnis erst mit dem dritten Lebensjahr entwickelt. Alles davor bleibt vage und unbestimmt und lässt sich kaum von Träumen unterscheiden.
Angedeutet und schemenhaft wirken Persönlichkeit und Lebensweg des in Rot gekleideten Kindes. Alles liegt noch im Verborgenen und verschwimmt im Unklaren.
In ihrem Diptychon lässt Ingrid Schütz die behütete Gestalt des Kindes aufblitzen wie eine Ahnung des Zukünftigen, das jedoch im tiefen Nebel verborgen bleibt, so dass es selbst wie eine verblasste und kaum fassbare Erinnerung wirkt.
Dr. Phil. Carla Heussler
2. Preis: »petit trouble - kleine Störung« von Silja Riethmüller
Silja Riethmüller ist Architektin, Designerin, Künstlerin und natürlich auch Zeichnerin. So wie ihre Rauminstallation und Bilder Wege im Raum und im Bildraum suchen und beschreiben, so kann man auch die vorliegenden Zeichnungen als Linienwege lesen. Vielleicht stand am Ausgang die berühmte Geschichte des Schmetterlings in Brasilien, dessen Flügelschlag einen Orkan in Texas auslösen kann. Der parallele Weg der Linien über das Papier stösst an einen winzigen Widerstand, welcher sukzessive immer größere Ablenkungen und Änderungen der Linie verursacht, und dann vielleicht wieder in seine gewohnte Bahn findet.
Mit großer Zartheit und Sensibilität gibt sie uns ein poetisches Gleichnis des Lebens.
Uli Gsell
3. Preis: Preis »...unser täglich Mikroplastik gib uns heute« von
Birgit Rehfeldt
Beim Betrachten des Werks ist zuerst auffällig, wie beiläufig die Szenerie eines Tellers mit Gabel und Messer anmutet. Als hätte gerade jemand das Besteck in den Händen gehalten und dieses ganz unbedacht wieder auf dem Tisch abgelegt.
Dass diese zufällig wirkende Situation bewusst in die Linde getrieben wurde, mit schnellen, wissenden Schnitten, lässt uns als Betrachtende mit Staunen zurück.
Auf den nächsten Blick rückt das mit Blattgold überzogene Rechteck – ebenfalls auffällig: ebenfalls nicht mittig auf dem Teller – in unser Blickfeld. Die Künstlerin bedient sich dem kompositorischen Mittel des Zufalls, um ein emotionales
Spannungsfeld im Objekt aufzubauen.
Uns überkommt eine Idee von Wert, wir denken möglicherweise an eine Kreditkarte oder Besitztum. Die Materialvarianten von aufgelegtem Blattgold und dem
so natürlichen Material Holz lassen uns mit vielerlei Gedanken zurück. Vielleicht denken wir an eine Kreditkarte oder aber wir bemerken eben diese Störung in der Materialität.
Die Künstlerin schreibt zu ihrem Werk: „Laut einer Studie der Umweltorganisation WWF nimmt jeder Mensch weltweit durchschnittlich bis zu 5 Gramm Mikroplastik pro Woche auf. Es gelangt über Nahrung, Wasser und Atemluft in den menschlichen Körper. Das entspricht etwa dem Gewicht einer Kreditkarte“. Dies bedeutet: Egal wie privilegiert wir sind, wir kaufen uns mit unserem Besitz täglich Mikroplastik auf unsere Teller. Und das, ohne dass wir direkt etwas daran ändern können. Hier sind alle Menschen gleich. Die feinsinnige gedachte und kompositorisch hervorragend gelöste Holzarbeit von Birgit Rehfeld bringt uns ganz leise eine politische Aussage auf den Teller und lädt zum Innehalten und Nachdenken ein.
Birgit Herzberg-Jochum